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„Inklusion darf kein Glücksfall sein“: Ines Gillmeister, Referentin und Kitaleitung bei der eventus BILDUNG gGmbH, spricht beim Paritätischen Berlin über inklusive Bildung

Wie kann inklusive Betreuung in Berliner Kitas gelingen – und wo stößt gute pädagogische Praxis an strukturelle Grenzen?

Mit diesen Fragen beschäftigte sich Ines Gillmeister, Referentin für Neurodivergenz und Inklusion bei der eventus BILDUNG gGmbH sowie Leitung unserer Kita „Die Spatzen“, am 26. August 2026 bei einem fachpolitischen Austausch des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin. Ihre zentrale Botschaft: Inklusion darf nicht davon abhängen, in welcher Kita, in welchem Bezirk oder bei welchen besonders engagierten Fachkräften ein Kind betreut wird.

Fachpolitischer Austausch über Neurodiversität und Bildung

Unter dem Titel „Wahl der Vielfalt: Neurodiversität in der Bildung – ein paritätischer Impuls für die Berliner Fachpolitik“ brachte der Paritätische Berlin im Hotel Rossi Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, pädagogischer Praxis und Politik zusammen. Rund 100 Teilnehmende diskutierten darüber, welche Voraussetzungen notwendig sind, damit neurodivergente Kinder und Jugendliche gleichberechtigt an Bildung teilhaben können.

Die Veranstaltung war bewusst im Vorfeld der Berliner Abgeordnetenhauswahl angesiedelt und führte unterschiedliche fachliche Perspektiven zusammen. Aus der Wissenschaft brachten Prof. Dr. Katrin Böhme, Professorin für Inklusionspädagogik an der Universität Potsdam, und Prof. Dr. Gabriele Schlimper, Präsidentin der Hochschule für Soziale Arbeit und Pädagogik (HSAP), ihre Expertise ein. Praxisimpulse gaben Christin Baumann von der Autismus Leben Berlin ALB gGmbH und Ines Gillmeister von eventus BILDUNG gGmbH. Aus der Politik legten Maja Lasic (SPD), Marianne Burkert-Eulitz (Bündnis 90/Die Grünen), Regina Kittler (Die Linke) und Axel Bering (FDP) ihre Positionen dar.

Mit ihrem Vortrag „Inklusion darf kein Glücksfall sein – zwischen guter Praxis und strukturellen Grenzen in Berliner Kitas“ brachte Ines Gillmeister insbesondere die Perspektive der frühkindlichen Bildung in die Diskussion ein.

Was inklusive Praxis leisten kann

Ausgangspunkt ihres Vortrags waren die Erfahrungen aus unserer Kita „Die Spatzen“ in Berlin-Pankow, in der Inklusion mit einem besonderen Schwerpunkt auf Neurodivergenz ein wesentlicher Bestandteil der pädagogischen Arbeit ist.

Die Kita betreut aktuell rund 70 Kinder aus sieben Berliner Bezirken mit unterschiedlichen Entwicklungs- und Unterstützungsbedarfen. Unterschiedlich große Gruppen, visualisierte und vorhersehbare Tagesabläufe, Rückzugs- und Regulationsmöglichkeiten, die enge Zusammenarbeit mit Familien und Netzwerkpartnern sowie regelmäßige Fortbildungen und Fallbesprechungen gehören zu den zentralen Bausteinen des Konzepts.

Gleichzeitig machte Ines Gillmeister deutlich, dass selbst engagierte und fachlich gut aufgestellte Einrichtungen an Grenzen stoßen können, wenn notwendige Ressourcen fehlen. Anhand konkreter Erfahrungen von Familien zeigte sie, welche Folgen dies haben kann: stark verkürzte Betreuungszeiten, wiederholtes vorzeitiges Abholen, Ausschluss von Ausflügen und Aktivitäten oder eine Betreuung, die von der Anwesenheit einzelner Mitarbeitender abhängig ist. Hinzu kommen mitunter lange Wartezeiten auf zusätzliche Unterstützung.

Barrieren sind nicht immer sichtbar

Ein zentraler Punkt ihres Vortrags war deshalb ein erweitertes Verständnis von Barrierefreiheit. Rampen, Fahrstühle oder barrierefreie Toiletten sind wichtig – doch ein Gebäude kann baulich barrierefrei und für ein reizempfindliches und stark auf vorhersehbare Abläufe angewiesenes Kind dennoch voller Barrieren sein.

Zu diesen unsichtbaren Barrieren zählen beispielsweise Lärm und Reizüberflutung, große Gruppen, fehlende Rückzugs- und Regulationsmöglichkeiten, unvorhersehbare Übergänge, Kommunikationsbarrieren, mangelndes Fachwissen oder unzureichende personelle Ressourcen.

Ines Gillmeister stellte dabei eine grundlegende Frage: Während es für Brandschutz, Hygiene, Erste Hilfe oder Arbeitsschutz selbstverständlich verbindliche Standards gibt, fehlen bislang vergleichbare Vorgaben zur Prävention von Reizüberlastung und Dysregulation, zu visueller Orientierung, Rückzugsmöglichkeiten oder neurodivergenzsensiblen Strukturen.

Inklusion braucht verlässliche Strukturen

Aus diesen Erfahrungen leitete Ines Gillmeister konkrete Anforderungen an Politik und Unterstützungssysteme ab. Dazu gehören u. a. eine stärker am tatsächlichen Bedarf orientierte Finanzierung und ein verlässlicher Zugang zu individueller Kitaassistenz, wenn die vorhandenen zusätzlichen Ressourcen nicht ausreichen.

Darüber hinaus braucht es aus ihrer Sicht verbindliche inklusive Qualitätsstandards, die nicht nur bauliche, sondern auch sensorische, kommunikative und strukturelle Barrieren berücksichtigen. Ebenso notwendig sind neurodivergenzsensible Fortbildungen und Fachberatung für pädagogische Fachkräfte.

Weitere wichtige Punkte sind bezirksübergreifende Lösungen für Kinder, die in ihrem Wohnbezirk keinen geeigneten Betreuungsplatz finden, eine bessere Zusammenarbeit zwischen Kita, Jugendhilfe, Eingliederungshilfe, Gesundheitswesen und Schule sowie Überbrückungsfinanzierungen, wenn ein erheblicher Unterstützungsbedarf bereits erkennbar ist, Antrags- oder Diagnoseverfahren aber noch nicht abgeschlossen sind.

Die fachliche Perspektive von Ines Gillmeister ist eng mit ihrer Arbeit bei eventus BILDUNG verbunden. Als Leitung der Kita „Die Spatzen“ und Referentin für Neurodivergenz und Inklusion beschäftigt sie sich sowohl mit den Bedingungen frühkindlicher Bildung als auch mit der Frage, wie Teilhabe beim Übergang in die Schule verlässlich weitergeführt werden kann.

Bereits im April 2026 hatte sie auf Einladung des Bezirkselternausschusses Pankow über Neurodivergenz, Inklusion und Teilhabe in Schule und Kita gesprochen. Beim fachpolitischen Gespräch des Paritätischen rückte nun stärker die Frage in den Mittelpunkt, welche strukturellen Voraussetzungen Kindertageseinrichtungen benötigen, um ihrem inklusiven Anspruch tatsächlich gerecht werden zu können.

Inklusion darf nicht vom Zufall abhängen

Der Vortrag machte deutlich: Gute inklusive Praxis ist möglich. Pädagogische Haltung, Fachwissen und engagierte Teams sind dafür unverzichtbar. Sie können strukturelle Defizite jedoch nicht dauerhaft kompensieren.

Ob ein Kind selbstverständlich dazugehören, den Kita-Alltag in vollem Umfang erleben und an Bildung und Gemeinschaft teilhaben kann, darf deshalb weder vom Wohnbezirk noch von der jeweiligen Einrichtung oder vom besonderen Engagement einzelner Fachkräfte abhängen. Inklusion braucht verlässliche Strukturen, ausreichende Ressourcen und verbindliche Standards – damit sie kein Glücksfall bleibt.

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